Im Original erschienen in: Bote 1989, 4
Die
Kirche ist unvorstellbar ohne Väter, wie sie auch ohne Christus und
ohne Apostel undenkbar ist. Die Kirche ist nicht nur apostolisch,
sondern auch "väterlich" (= patristisch). Von ihrem Wesen
her ist sie die "Kirche der heiligen Väter". Denn, wenn
sie echt patristisch ist, dann ist sie auch wahrhaft apostolisch.
Warum? Weil die heiligen Väter (und Mütter) aller Jahrhunderte die
gerade und ununterbrochene Linie der kirchlichen Tradition sind, d.h.
die Fortsetzung des durch die Fleischwerdung des Wortes Gottes in die
Welt eingeführten neuen Lebens, des Lebens Christi. Die Väter sind
also die Nachfolger der heiligen Apostel; sie führen ihr Werk
weiter, nicht nur mit der Übernahme bestimmter Verwaltungs- und
Pastoralaufgaben, sondern auch mit der Fortsetzung der "neuen
Schöpfung", der geoffenbarten neuen Lebensweise, die sich als
Glaube und Gesinnung, als seinsmäßiger Lobpreis des Dreieinigen
Gottes und als Leben und Koinonia ausdrückt. Die Väter sind also in
jeder Epoche Zeugen des wahren Glaubens (der Orthodoxie) - testes
veritatis - in seiner ganzen Fülle.
Der Begriff "Väter"
wird von seinem Wortinhalt her mit der Zeugung von Kindern und der
Sorge für sie verbunden. Mit dieser Bedeutung wird er auch in der
Kirche verwandt, natürlich von seinem biologisch-körperlichen
Inhalt befreit. Bereits im NT bezeichnet Paulus sich als "Vater"
der Gläubigen, weil sie von ihm gezeugt wurden, nicht körperlich,
sondern geistlich, durch die wahre Zeugung, über die Christus "bei
Nacht" zu Nikodemus sprach (Joh.3). Der Apostel spricht über
die Zeugung "in Christo" und "durch das Evangelium".
Diese Begriffe beziehen sich auf die Koordination der geistlichen
Vaterschaft in der Kirche. Die Väter sind Väter in Christo und ihre
geistlichen Kinder werden durch sie Kinder Christi. Man wird nämlich
"Vater", weil man selbst in Christo ist, d.h.
wiedergeborenes, wahres Kind Christi, des einzigen wahrhaften Vaters
(Eph.3,15), und jeder Gläubige, der unter Mühen eines Vaters
wiedergeboren wird, wird Kind Christi, kehrt ein in Christus und wird
gerettet. Die leiblichen Väter zeugen für die Welt; die geistlichen
Väter zeugen für Christus. Nun verstehen wir die Absolutheit und
wirklichen Dimensionen eines Satzes der "Apostolikai Diatagai"
(4. Jh): "Dieser ist Lehrer der Frömmigkeit, dieser ist nach
Gott unser Vater, der uns durch Wasser und Geist wiedergezeugt hat"
(II, 26). Der Weg der Kirche in der Welt ist eine ständige Zeugung
in Christo. Deshalb gibt es keinen Zeitpunkt in der Geschichte, an
dem es keine Väter gibt. Die scholastische Normierung des Begriffes
"Vater" führte den Westen dazu, die Epoche der Väter
zeitlich zu begrenzen: bis zum 7. Jahrhundert im Westen (Gregor der
Große oder Isidorus von Sevilla) und bis zum 8. Jahrhundert im Osten
(Johannes von Damaskus). Das ist natürlich eine fränkische
Erfindung, um die scholastische Theologie (= fränkische Theologie)
hervorzuheben, die nach deren Meinung der "Theologie der Väter"
folgte oder besser, was einen wesentlichen Fortschritt bedeutete, sie
ersetzte. Und dazu kam es natürlich, weil die alte Vätertheologie,
außer der des Augustinus, nicht zur Stützung der fränkischen
dogmatischen Neuerungen und besonders des "filioque" dienen
konnte.
Die Väter haben also eine derartige Bedeutung für
die Kirche, weil sie unmittelbar mit der Tatsache der Tradition
verbunden sind, die das Wesen des kirchlichen Lebens bildet. Die
Tradition wird kirchlich als eine ununterbrochene, ungetrübte
Fortsetzung des Lebens der Kirche in seiner Gesamtheit als "Leben
in Christo" verstanden. Das Gespräch aber über die kirchliche
Tradition konfrontiert natürlicherweise immer mit dem Problem der
Echtheit und Authentizität der Tradition, die nur insofern Tradition
ist, als sie ein echtes Zeugnis in Christo ist. Die Tradition wird
so, als "Weitergabe" einer Lebensweise, nicht unpersönlich
von einer Epoche zur anderen, verstanden, sondern persönlich, von
einem Zeugen der Tradition zum anderen. Bei dieser Tatsache der
daseinsmäßigen persönlichen Funktionsweise der Tradition als einer
stetigen Weitergabe spielen die Väter die Hauptrolle, da sie die
Zeugen "der Dauerhaftigkeit oder Identität der Predigt, wie sie
uns von Generation zu Generation überliefert wurde" (Flor.
140), sind. Deshalb erscheint bereits im 3. Jahrhundert das
Begriffspaar "Apostel und Väter" zur Bezeichnung dieser
Fortsetzung und Glaubwürdigkeit. Sich auf die Väter zu beziehen war
etwas Selbstverständliches zur Zeit der Synoden und besonders der
großen, angefangen mit der Ökumenischen Synode von Nikäa. Väter
waren diejenigen, die das wahre Dogma, die Lehre der Apostel,
weitergaben und förderten, diejenigen, die Leiter und Lehrer der
christlichen Erziehung und Katechese waren. Deshalb hört man auch so
oft den Ausdruck "den heiligen Vätern folgend" in den
Synoden der Kirche; denn ihre Lehre ist der authentische Ausdruck der
kirchlichen Tradition. Dies verkündet die siebte Ökumenische
Synode: "Der Lehre unserer heiligen Väter über Gott und der
Tradition der Katholischen Kirche folgend". Der Satz "den
heiligen Vätern folgend", bedeutet im Grunde genommen die
Anrufung glaubwürdiger Zeugen der Tradition, der echten Träger der
Tradition. Daher sagt auch ein alter Hymnus (vielleicht von Romanos
dem Meloden): "Der Apostel Predigt und der Väter Dogmen hat die
Kirche bewahrt, und so den Glauben zu einem zusammengeschweißt, und
das Gewand der Wahrheit tragend..., verwaltet sie auf rechte Weise
und verherrlicht das große Mysterium der Frömmigkeit". So
werden die Väter zu "Aposteln" Christi in ihrer Zeit, zur
Ausbreitung des Evangeliums in der Welt gemäß dem Auftrag des
Auferstandenen Gottmenschen und Herrschers des Himmels und der Erde.
Sie sind diejenigen, die das Werk der Apostel fortsetzen, wie es in
der Apostelgeschichte (2,42) beschrieben wird: "Sie verharrten
in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und
den Gebeten"; ein theologisches Werk also, ein pastorales und
ein gesellschaftliches. Daher werden wir auch im folgenden die
Bedeutung der Väter in diesen drei Dimensionen ihres Dienstes in der
Kirche betrachten:
a)
Das theologische Werk der Väter.
Die Väter sind die wirklichen
Theologen unserer Kirche. Der Westen hat uns gelehrt, die Väter als
Philosophen und große Denker zu betrachten. Das ist auf die anomale
Entwicklung des patristischen Denkens im Bereich der Scholastik
zurückzuführen. Sowohl in der alten Kirche wie auch im orthodoxen
Osten wurden die Väter niemals als Philosophen und Denker angesehen,
noch betrachteten sie sich selbst als solche. Ihre Theologie ist
nicht die Frucht eines philosophischen (metaphysischen) Suchens und
philosophischer und pietistischer Gedanken über die Bibel
(Bibelkritik). Außerdem ist die Bibel nichts Transzendentes und
Metaphysisches, eine Art göttliches Buch, das fertig vom Himmel
gefallen ist, wie die Mohammedaner z.B. den Koran verstehen. Noch ist
die Bibel objektiv das "Wort Gottes" selbst, das dem
Menschen angeboten wird, damit er es geistig annimmt und mit seinen
frommen Gedanken über es gerettet wird. Deshalb kennt der Osten auch
keinerlei Art von "Meditation" oder Spekulation als
theologisches Mittel. Die Bibel (AT und NT) enthält das Wort der
Vergöttlichten (Propheten und Apostel) über das göttliche Wort,
den Ausdruck der mystischen Erfahrung der Heiligen des Alten und
Neuen Testaments, die Gott geschaut haben. Die Offenbarung Gottes ist
in keinem Buch von selbst formuliert worden, sondern wurde und wird
geschenkt nach der Reinigung des Menschen, im Zustand der Erleuchtung
und besonders der Verherrlichung oder Vergöttlichung (Gottesschau).
Ganz im Gegenteil dazu gelangte die Metaphysik zur Aufstellung
unabänderlicher Kriterien und zur Götzenverehrung. Die Theologie
der Väter beruht auf der Gotteserfahrung und stützt sich auf die
Schau Gottes. Die Erfahrung der Heiligen ist die einzige sichere
Brücke zwischen Geschaffenem und Ungeschaffenem. Daher unterscheiden
sich die Väter grundsätzlich von den Philosophen aller
Jahrhunderte. Die Offenbarung der Wahrheit empfangen die Heiligen von
Gott selbst durch die Einwohnung des Heiligen Geistes in ihnen
(Erleuchtung) und durch ihre Erfahrung der Gottesschau
(Verherrlichung, Vergöttlichung). Im Gegensatz dazu kämpfen die
Philosophen allein, um die Wahrheit zu entdecken. Die Väter haben
diese fertig vor sich, entweder aufgrund ihrer eigenen Erfahrung oder
von den Erfahrungen der früheren Väter her. Die Philosophen haben
als Hauptmerkmal das Streben nach der Originalität in ihren
Theorien. Den Vätern dagegen ist die Originalität völlig
gleichgültig, so sehr das Werk der großen Väter auch für die Welt
und die Gläubigen eine Erweiterung der Lehre der Kirche bezüglich
eines theologischen Problems darstellt, besonders, wenn das Heil der
Gläubigen bedroht wird, wie es gewöhnlich beim Auftreten von
Häresien geschieht. Die Väter haben ihre Aufmerksamkeit theologisch
andauernd auf die Vergangenheit gerichtet. Sie wollen nicht
beeindrucken mit neuen Entdeckungen - deshalb auch könnten sie unter
den heutigen Gegebenheiten in der Universitätstheologie nie einen
Doktortitel beanspruchen! - sondern die apostolische Tradition
fortsetzen, "die ewigen Grenzen nicht verrückend, die die Väter
vor ihnen gesetzt haben". Sehr charakteristisch ist in diesem
Zusammenhang der Fall des hl. Gregorios Palamas (1296-1359). Er war
tief in der apostolischen und patristischen Tradition verankert.
Grundsätzlich bewegte er sich im Rahmen des Lehre der Kappadokier,
Athanasios des Großen, Dionysios des Areopagiten und Maximus des
Bekenners. Seine Geg-ner aber, östliche wie westliche, die den auf
der Erfahrung beruhenden Kontakt mit der kirchlichen Tradition
verloren hatten, verdächtigten ihn umstürzlerischer Neuerungen.
Denn er bot die alte Väterlehre in einer neuen Verbindung dar, als
"schöpferische Erweiterung" der Tradition und nicht als
blinde Wiederholung. Außerdem ist der echte patristische Geist keine
formelle Wiederholung, sondern die dynamische Einverleibung der
Tradition und deren erneuter Ausdruck.
An diesem Punkt wird der
grundlegende Unterschied zwischen der Methode des Vaters und der
eines Philosophen sichtbar. "Der Philosoph denkt und überlegt,
zumindest theoretisch, unabhängig von den Gedanken seiner Vorgänger,
d.h. er ist grundsätzlich nicht an die Antwort gebunden, die andere
Philosophen auf das Problem gegeben haben, das er untersucht. Er
trachtet danach, eine persönliche Lösung des Rätsels der Welt zu
ge-ben und sich von der Richtigkeit oder Angebrachtheit seines
autonomen Denkens zu überzeugen". Daher finden wir auch bei
jedem großen Philosophen eine neue Erklärung, "mit der
Schaffung ei-nes philosophischen Systems, in dessen Grenzen der
Mensch sich zu bewegen hat... Das Gegenteil geschieht bei den
Vätern". Der Vater arbeitet nicht losgelöst vom geistlichen
Reichtum der Kirche. "Notwendigerweise ist er ein dynamischer
Träger und Exeget der Elemente, die die ihm vorausgegangenen Väter
im Rahmen der Lehre der Kirche hervorgebracht haben".
Es ist
außerdem charakteristisch, daß, von der scholastischen Methodik
abgesehen, die Väter sich nicht auf die Autorität der Philosophen
berufen, sondern nur auf die der vergöttlichten Heiligen, wie
ebenfalls ein Vater - im Gegensatz zu dem, was man im Westen zu
diesem Thema geschrieben hat - nicht als platonisch, neuplatonisch
oder aristotelisch charakterisiert werden kann (wir meinen vom Wesen
seiner Theologie und nicht vom Gebrauch der philosophischen Sprache
und Terminologie her, als "Mittel zur Verständigung mit den
Menschen seiner Zeit"). Diese Haltung der Väter wurde überdies
offiziell von der Kirche ausgedrückt im "Synodikon", einem
Text, der am ersten Fastensonntag gelesen wird: "Diejenigen, die
sich mit den griechischen (= philosophischen) Studien befassen, nicht
nur um des Studiums willen, sondern auch deren eitle Ansichten
annehmen und sie für wahr halten... und diese ohne Bedenken lehren,
sollen in Bann sein". Das bedeutet natürlich nicht, daß die
Väter die Bildung ablehnen. Ganz im Gegenteil: die großen Väter
zeichnen sich auch durch ihre hohe Bildung aus. Die orthodoxe
Erkenntnislehre ist eine doppelte: geistlich und wissenschaftlich.
Die erste ist die Teilnahme an der göttlichen Herrlichkeit, die
zweite die logische Erkenntnis. Es gibt Heilige, die nur die erste
haben, ohne irgendwie zurückzustehen. Ein heiliger Vater aber, der
auch die zweite Erkenntnis hat, kann seine Erfahrungen
niederschreiben und die Gläubigen lehren.
Nach Vater Georg
Florovski "war das Hauptcharakteristikum der Vätertheologie ihr
existentieller Charakter...". Tatsächlich, nach der
Formulierung des hl. Gregor des Theologen, theologisierten die Väter
"den Fischern gemäß und nicht aristotelisch" (Log.
23,12), d.h. im Einklang mit den Aposteln und nicht mit den
Philosophen. So war ihre Theologie nicht Philosophie, sondern
Botschaft, Predigt. Ihre Theologie bleibt selbst dann noch Predigt,
wenn sie unter dem Druck der Umstände "logisch geordnet"
und mit logischen Argumenten vollgeladen sein mußte. Deswegen
bleiben die Väter auch außerhalb jedes "Systembegriffes"
in der philosophisch-soziologischen Bedeutung des Wortes. Die
Teilnahme am Leben und der Wahrheit Christi durch die Gnade des
Heiligen Geistes, d.h. die Teilnahme an der Herrlichkeit von
Pfingsten, ist die wesentliche Voraussetzung der Vätertheologie. Die
Väter - und alle Heiligen - leben in einem andauernden Pfingsten.
Der Weg aber zu diesem Ziel geht über die asketische Erfahrung: die
Reinigung von den Leidenschaften, die Erleuchtung des Herzens durch
den Heiligen Geist und schließlich die Verherrlichung oder die
Vergöttlichung des ganzen Menschen. Dies ist die einheitliche
Erfahrung der Propheten (der Heiligen des AT), Apostel und Heiligen
der Kirche: die Schau des ungeschaffenen Wortes vor und nach Seiner
Fleischwerdung! Die Verklärung Christi auf dem Berg Tabor war die
Wiederholung der alttestamentlichen Erscheinung des "Herrn der
Herrlichkeit" (I. Kor. 2,8) und die Offenbarung Seiner
natürlichen Herrlichkeit, fleischlos im AT, im Fleische im NT. Der
Höhepunkt der Verherrlichung der Heiligen im Heiligen Geist aber
findet am Pfingsttage statt. Hier führt der Geist die Gläubigen in
Christo "in die ganze Wahrheit" ein. Hier erfüllt sich das
Wort Christi im Johannesevangelium 17,24: "Vater, ich will, daß
wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, daß sie
meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast". In dieser
Herrlichkeit (der Theophanie) der Heiligen Dreifaltigkeit, in der
menschlichen Natur Christi, vollzieht sich die Vereinigung aller
Heiligen. Daher weisen die Heiligen aller Jahrhunderte (Väter)
"Einheit des Glaubens" auf, weil sie in der "Gemeinschaft
des Geistes" leben. Genau dies fehlt bei den Häretikern, also
bei denen, die außerhalb der Tradition (Lebensweise) der Väter
leben.
Die "Theologische Fakultät" der Väter sind die
Kapitel 12-14 des 1. Korintherbriefes (über die
Geistesgaben-Charismen). Ihre Theologie beginnt mit der ständigen
Gegenwart des Heiligen Geistes als Herzensgebet oder unaufhörliches
Gebet in ihnen, und diese folgt immer auf die asketische Reinigung
des Gläubigen. "Die Vollendung der Reinigung ist die Grundlage
der Theologie" bemerkt Johannes Klimakos (Klimax...30). Ihre
Theologie ist das, was auch die "Prophetie" in 1 Kor 14 in
der Urkirche ist: Erklärung der Offenbarungen des Heiligen Geistes
mit dem Heiligen Geist als Führer. "Der Geist helfe mir und
schenke mir Worte", betet der heilige Gregor der Theologe zum
Paraklet, bevor er über den Heiligen Geist in seiner 5.
Theologischen Rede spricht. Der gleiche Gregor beschreibt uns auch
die Voraussetzungen der kirchlichen Theologie, wenn er sich an die
Eunomianer wendet: "Es ist nicht jedermanns Sache, über Gott zu
philosophieren; diese Sache ist nicht so billig und niedrig. Und ich
werde hinzufügen: weder immer, noch allen, noch über alles, sondern
nur einige Male und einigen und unter bestimmten Voraussetzungen ist
es möglich. Und zwar ist es nicht jedermanns Sache, weil es für die
ist, die versucht worden und zur Gottesschau vorgedrungen sind und
zuvor die Seele und den Körper gereinigt haben oder zumindest
reinigen" (Log. 27,3). Es theologisieren die, die bis zur
"Gottesschau" gelangt sind. Die der Erleuchung
vorausgehende Stufe ist die "Reinigung". Deswegen sagt er
an einer anderen Stelle: "....mittels des Lebens steige empor,
mittels der Reinigung erwirb das Reine. Willst du jemals Theologe und
der Gottheit würdig werden, so halte die Gebote und mittels der
Gebote schreite voran. Denn das Tun ist der Zugang zur Gottesschau"
(Log. 20,12). Die Reinigung wird nicht als einfache Befreiung von den
Leidenschaften im philosophischen Sinn verstanden, sondern auch als
ein ständiges Wachen. Nicht als etwas ausschließlich Negatives,
sondern gleichzeitig auch als etwas Positives; denn sie ist die
Freiheit von den Leidenschaften durch die Befolgung der Gebotes
Gottes, der Tugenden im Heiligen Geist.
Das
ist der Weg der Vätertheologie. Athanasios der Große bezeichnet die
Väter als "Inspirierte" (Über die Menschwerdung, 56). Sie
besitzen das Charisma der "Inspiration" (Über Nikäa 4,4),
sie empfangen in sich, d.h. durch die Einwohnung des Heiligen Geistes
und der ganzen Trinität, Erleuchtung, damit sie den übrigen
Gläubigen die Wahrheit Gottes offenbaren. Hier muß aber bemerkt
werden, daß auch derjenige, der sich der Theologie der Väter
nähert, gereinigt und erleuchtet sein muß, um sie aufzunehmen,
andernfalls wird er sie ablehnen. Das gleiche gilt auch für die
Exegeten der Schrift. Nur der Gereinigte und Erleuchtete, jener, der
das Herzensgebet, den Heiligen Geist, in sich hat, "glaubt",
nimmt die Offenbarungen der vergöttlichten Heiligen uneingeschränkt
an. Die Väter wirken als "Propheten Gottes" (Athanasios d.
Gr., Über Nikäa 4,4), sie offenbaren, was sie sehen (vergleiche die
Benennung der Propheten im AT: roe' = der Sehende). Dies deutet auch
jenes Zeugnis des Johannes in seinem 1. Brief an: "Was wir
gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch" (1,3).
Hinter dem "Fleisch" Christi muß man Seine ungeschaffene
Herrlichkeit sehen, um über Christus als Gott, der Fleisch
angenommen hat, sprechen zu können, und Ihn nicht bloß als "großen"
oder sei es auch als "erleuchteten" Menschen zu sehen, so
wie es die häretische Annäherung an Christus in allen Jahrhunderten
tat. Nicht also die Kenntnis der Schrift macht die Väter zu Vätern;
denn auch die Häretiker kennen den Buchstaben der Schrift, oft sogar
in verblüffender Weise bis zu dem Punkt, daß sie aus dem Gedächtnis
mit mathematischer Genauigkeit zitieren. Die Erfahrung der
Vergöttlichung zeichnet den Vater aus - und diese Erfahrung haben
die Häretiker nicht, weil ihnen die Therapie der Kirche fehlt. Das
Fehlen oder die Mangelhaftigkeit der Therapie bei den Häretikern
führt nicht zur richtigen Reinigung und folglich auch nicht zur
Erleuchtung im Heiligen Geist. "Alle Häretiker theologisieren"
verstandesmäßig, wissenschaftlich. Daher kann der Häretiker auch
nicht die Wahrheit vom Irrtum unterscheiden, denn er "sieht"
in sich nicht die Wahrheit, so daß er sie erkennen könnte. Orthodox
ist folglich nicht der, der keine häretischen Ansichten formuliert,
sondern der, der sich gereinigt hat, um zur Erleuchtung des Heiligen
Geistes zu gelangen. Allein die Väter und alle Heiligen können
sagen "Es hat dem Heiligen Geist und uns gefallen...", oder
sich auf ihre persönliche geistliche Erfahrung beziehen, ohne daß
sie in Gefahr geraten, wegen Dünkel verurteilt zu werden (so lesen
wir z.B. im "Hagioritischen Tomos" von 1341: "Dies
sind wir von den Schriften gelehrt worden, das haben wir von unseren
Vätern übernommen, das haben wir durch unsere kleine Erfahrung
erkannt..."). Die Väter haben gemeinsame geistliche Erfahrungen
unter sich, und diese Erfahrungen bilden die Theologie der Synoden
der Kirche, die ohne Väter unvorstellbar sind, nicht nur, weil sie
an ihnen teilnehmen, sondern weil sie auch deren Werk vorbereiten.
Die Synode - selbst die Ökumenische - ist nicht der Ort, an dem
theologische und philosophische Probleme gelöst werden, sondern der
Ort, an dem mit der Erleuchtung des Heiligen Geistes die Wahrheit,
die bereits von den heiligen Vätern ausgedrückt wurde (auch die
Apostel sind Väter), allgemein angenommen und in einer Art
ausgedrückt wird, die eine häretische Auslegung ausschließt, durch
die die Rettung der Gläubigen gefährdet wird. Auf den Synoden wird
nicht nach der Wahrheit gesucht, noch trachtet man sie zu verstehen,
weil das Mysterium immer unverständlich bleibt. Gregor der Theologe
sagte, daß "Gott zu verstehen unmöglich ist, Ihn auszudrücken
noch unmöglicher". Man bemüht sich lediglich um eine gemeinsam
annehmbare Formulierung des Dogmas, als Wegweiser der Wahrheit, damit
das Werk der Kirche, die Heiligung des Menschen und seine Führung
zur Erleuchtung im Heiligen Geist, erleichtert wird. An diesem Punkt
wird die unmittelbare Beziehung zwischen der Theologie der Väter und
ihrem pastoralen Werk verständlich.
b)
Die Väter sind die echten Hirten der Kirche.
Das pastorale
Werk der Väter ist nicht in erster Linie theoretisch, denkerisch und
philosophisch, sondern von seinem Wesen her therapeutisch und
wiederherstellend. Sein Ziel ist die vollkommene Einordnung des
Gläubigen in den Leib Christi, in die Kirche. Aber dieses Ziel kann
nicht erreicht werden, wenn nicht Gott im Gläubigen wohnt und ihn
heiligt, ihn von der Sünde befreit, vom Verderben und vom Tod. Daher
ist das Werk der Väter, und nicht nur das der großen Heiligen und
Kirchenlehrer, sondern das eines jeden echten orthodoxen geistlichen
Vaters praktisch und ärztlich. Es ähnelt sehr dem Werk eines
Arztes. Die Theologie der Väter zeigt sich nicht als
Geisteswissenschaft, denn die Theologie der Kirche ist keine
Geisteswissenschaft, sondern vor allem eine praktische, wie die
Medizin, die Psychiatrie, die Biologie usw., weil sie nicht
"theoretisch" (philosophisch), sondern mit dem Gebrauch von
Instrumenten und mit der praktischen Anwendung, dem "Experiment"
arbeitet. Das Instrument der patristischen Pastorallehre ist der
"Geist", der sich in seinem natürlichen Zustand - wenn er
richtig arbeitet - im Bereich des Herzens befindet. Die natürliche
Funktion des Geistes ist das Gedächtnis Gottes. Um die Funktion des
"Geistes" in Tätigkeit zu setzen, muß der Geist ins Herz
zurückkehren, damit er nicht mit den Verstandesenergien vermischt
wird.
Die Schrift, die Vätertexte, aber vor allem die
kirchliche Hymnographie sind voll von medizinischen Fachausdrücken,
wenn sie sich auf das pastorale Werk der Kirche beziehen. Die Kirche
wird von den heiligen Vätern als Krankenhaus (geistliches
Krankenhaus - nach dem hl. Chrysostomos) verstanden. Die Kleriker
sind Ärzte, der Bischof ist eine Art Oberarzt. Ihr Werk zielt auf
die richtige Diagnose und Therapie des Gläubigen hin so, wie das
Theologisieren ein Geschenk des Heiligen Geistes ist, so ist auch das
Weiden der Gläubigen eine Frucht der Gnade des gleichen Geistes
(vgl. Apg 20,28: "Der Heilige Geist hat euch zu Bischöfen
bestellt, die Kirche Gottes zu weiden"). Basilios der Große
bezeichnet das Werk des Hirten als "Dienst für Gott in Sorge um
die Seelen" (Horoi kat'epito-men = Begriffe in Kürze, 184). Die
Diagnose der Krankheit der Gläubigen setzt eine innere Erleuchtung
des Hirten voraus, denn nur der bereits Gereinigte und Erleuchtete
kann den Menschen "der Geheimnisse seines Herzens überführen"
(1. Kor. 14, 27) und ihn zur richtigen und wirksamen Therapie führen.
Bei der Leibesmedizin kann der Arzt, sogar wenn er selbst krank ist,
eine Therapiemethode vorschlagen.
Bei der Therapeutik der
Seelen aber wird die Gesundheit des Arztes vorausgesetzt. Daher
bemerkt Gregor der Theologe: "Sich selbst zu reinigen ist
zunächst vonnöten und erst dann andere zu reinigen, man muß
erleuchtet sein, um in diesem Zustand zu erleuchten...". Dieses
Werk der pastoralen Therapeutik nahm in der ersten apostolischen
Kirche eine zentrale Stelle ein (Röm, 1. Kor, Gal). Später nach dem
Verfall des Lebens der Gläubigen in der Welt, wird es immer mehr auf
die Klöster beschränkt. So werden die Klöster in der Orthodoxie
die Zentren des orthodoxen geistlichen Lebens, aber auch der Hauptort
der Anwendung der Pastorallehre der Väter. Vergessen wir aber nicht,
daß auch in der Welt jedes Bistum orthodox als Kloster verstanden
wird mit dem Bischof als Abt. Das Werk des Bischofs ist nicht in
erster Linie verwaltungsmäßig, sondern geistlich, pastoral und
liturgisch zu verstehen.
Betrachten wir die Orthodoxie also
im Lichte der Pastorallehre der Väter, dann stellen wir fest, daß
sie eine "geistliche Anstalt" mit ständiger Therapie ist.
Damit ist natürlich keinerlei Spiritualismus gemeint, da die
Therapie hier nicht anders als eine ärztliche Arbeit verstanden
wird. Dieses Werk geht von der Überzeugung aus, daß die Therapie
und Wiedergeburt des Menschen in Christo möglich ist. Das wird auf
die Tatsache gestützt, daß die "Ebenbildlichkeit", der
göttliche Stempel im Menschen, nicht mit dem Sündenfall verloren
gegangen ist, sondern nur beschädigt wurde und erkrankt ist. Es ist
also im Menschen der Funke der göttlichen Gnade vorhanden, den der
geistliche Vater mit den Mitteln, die Gott ihm gegeben hat, anbläst,
damit er wiederauflebt und im Menschen zur Flamme, zur göttlichen
Erleuchtung wird. Die Väter sind also als Ärzte in Christo tätig
und werden zu Mitarbeitern des Heiligen Geistes bei der Therapie
unserer Rettung. Die Erleuchtung des Menschen wird daher nicht als
"theologische" Bildung, sondern als geistlicher Fortschritt
verstanden.
Die Väter arbeiten in ihrem pastoralen Werk als
Medizinprofessoren an einer medizinischen Fakultät. Sie stellen aber
nicht nur Diagnosen und Therapien für Krankheiten, sondern bilden
auch Nachfolger heran für ihre "Wissenschaft". Aus der
Kirchengeschichte ist bekannt, daß alle Väter aus dem Umkreis
anderer Väter hervorgingen: Athanasios der Große aus dem Umkreis
Antonios des Großen, Basilios der Große aus dem Umkreis der Asketen
Ägyptens und Kleinasiens. So wie die Naturwissenschaften verwenden
auch die Väter das Experiment, und sie selbst werden die Führer
ihrer Schüler (vgl. eine Operation im Operationssaal: alles ist in
Aktion, die Theorie wird auf den konkreten Fall angewendet). Heute,
im Christentum der Welt, das von der Spiritualität des patristischen
Klosters abgeschnitten ist, beschränken wir leider unser
therapeutisches Werk auf das Lesen von mündlichen Gebeten und geben
diesen einen magischen Charakter. Was soll man noch dazu sagen, wenn
die Reinigung nicht einmal mehr als notwendig angesehen wird? Wir
machen die Rettung zu einem Automatismus, der unabhängig von unserem
Willen und sogar von unserem Wissen, mechanisch und automatisch
funktioniert, wie der Verlauf einer Gerichtsverhandlung, die
außerhalb dieser Welt und ohne unser Wissen abgehalten wird; und die
Rettung kommt als Gerichtsbeschluß ohne auch nur die geringste
Teilnahme und Bemühung unsererseits. Die Väter verstehen die
Rettung auf der Basis der Heiligen Schrift als etwas, was hier und
jetzt verwirklicht wird, in dieser Welt, und nicht (nur) nach dem
Tode. Deshalb beschäftigen sie sich auch nicht mit religiösen
"Feiern", sondern mit der Reinigung des Menschen. Auch der
Kult steht in der Orthodoxie in engstem Zusammenhang mit der Askese,
wobei er natürlich nicht als einfache Anwesenheit und passives
Teilnehmen verstanden wird, sondern als therapeutisches und
heiligendes Mittel und als Dienst des LaoV (Leitourgia), d.h. als
Werk des ganzen Leibes, des Pleroma, der Gesamtheit. Die Frucht der
Pastorallehre der Väter ist die Heiligung des Menschen im Heiligen
Geist, weil dies das Ziel der Kirche ist, die Vergöttlichung. Ist
die Frucht von Pfingsten nicht Allerheiligen? Das zeigt die
Festsetzung des Festes Allerheiligen im orthodoxen Kirchenjahr direkt
nach dem Pfingstsonntag. Aus dem Blickwinkel der Pastorallehre der
Väter können wir auch die Theologie der Orthodoxie besser
betrachten, die ein Kampf um Therapie und Erleuchtung und kein
fruchtloser Konservatismus, d.h. eine unter Denkmalschutz stehende
Dogmenansammlung ist. Die Dogmen sind nichts anderes als die
Voraussetzung für wirkliche Theologie, die mit der Therapie der
Gläubigen beginnt. Daher wird auch die wirkliche Lehrtätigkeit der
Väter (Katechese) nicht als einfache Vermittlung von Wissen oder
einer religiösen Ideologie verstanden, sondern wird wesentlich im
Sakrament der Beichte ausgeübt, bei der geistlichen Führung des
Gläubigen durch seinen geistlichen Vater. Der geistliche Vater ist
für die Gläubigen das, was der Professor/Arzt für seine Schüler
ist. Es besteht sogar eine erstaunliche Parallele in den Ergebnissen.
So wie sich in der Medizin die Vollkommenheit der Methode an der
Therapie des Kranken erweist (z.B. der Erfolg einer Operation), so
haben wir auch in der Pastorallehre der Väter Zeugnisse für die
Richtigkeit der verwendeten Methode; und das sind die Heiligen und
ihre Reliquien. Der Zustand der heiligen Reliquien, die ohne den
geringsten technischen Eingriff unzerstörbar erhalten bleiben und
duften, sind das wirkliche Zeugnis der Tatsache der Vergöttlichung
bereits in dieser Welt. Die Heiligung, die Vergöttlichung ist das
Ziel der Pastorallehre der Väter, und nicht irgendeine ethische
Konvention oder konventionelle Zielsetzung wie z.B. die Heranbildung
guter Bürger - etwas, was die Religionen und Ideologien der Welt
kennzeichnet.
c)
Das gesellschaftliche Werk der Väter:
Die Väter aber
führen nicht nur die Traditionslinie und das pastoral-therapeutische
Werk der Apostel weiter, sondern setzen auch die Gemeinschaft der
Gläubigen in Christo fort, weil diese, mit der Gnade des Heiligen
Geistes in der menschlichen Natur Christi vereint bleibend, in erster
Linie den Leib Christi bilden. Die Väter bewahren die authentische
christliche Existenzweise. Direkt nach Pfingsten organisiert sich die
Kirche als unabhängige, das ganze Leben umfassende Gemeinschaft, die
mit der Gnade des Heiligen Geistes vorwärtsschreitet. Diese
Lebensweise wird bis heute durch die Väter fortgesetzt und wird
spürbar in der Gemeinschaft des klösterlichen Zönobions
(koinobion). Das Koinobion ist eine vollständige Stadt (politeia),
in der die Dienste nach den Charismen eines jeden aufgeteilt sind,
mit dem Ziel der Vergöttlichung. Es bildet eine eigenartige und von
der übrigen Welt fast völlig verschiedene Gemeinschaft, die das
Wesen der apostolischen Gemeinschaft der Apostelgeschichte bewahrt.
Immer jedoch ist das klösterliche Koinobion für die Väter das
Modell jeder konkreten christlichen Gemeinschaft. Daher trugen Väter
wie Basilios der Große zu seiner Organisation bei und Väter wie
Chrysostomos oder Gregorios Palamas kämpften um sein Überleben und
seine Fortsetzung. Wenn sich aber die Welt heute mit derartiger
Leidenschaft gegen das Mönchstum wendet, so darum, weil sie das
Vorbild des authentischen Lebens und der authentischen Gemeinschaft
auslöschen will, die befreit von jeglicher Art Individualismus und
Eigennutz die wahre Elemente eines echten Sozialismus-Kommunismus
besitzt, der sich nicht auf irgendeinen "Staatismus"
stützt, sondern auf die Freiheit und die Liebe im Heiligen Geist.
Obwohl die Väter in allen Jahrhunderten die zönobitische
Gemeinschaft der apostolischen Urgemeinde mit ihrer Uneigennützigkeit
und Gütergemeinschaft fortsetzen, hören sie nach der Wende des 4.
Jahrhunderts nicht auf, eine dynamische Rückkehr der christlichen
Gesellschaft zu jenem alten Prototyp vorauszusagen. Das sehen wir
bereits im 4. Jh. bei den zwei großen Vätern des Ostens, bei
Basilios dem Großen und Johannes Chrysostomos. Der erste schreibt in
einer seiner am stärksten gesellschaftsbezogenen Reden (Bei
Hungersnot und Dürre, P.G. 31,324): "Laßt uns das verlassen,
was die Welt sagt, und das Beispiel der 'dreitausend' (d.h. der
Gläubigen Jerusalems nach Pfingsten) nachahmen. Laßt uns die
Lebensweise der ersten Christen begehren, wo alles allen gemeinsam
war, d.h. das Leben, die Seele, die Übereinstimmung, das gemeinsame
Essen, die ungeteilte Brüderlichkeit, die ungeheuchelte Liebe, die
die vielen Leiber einigte und zu einem machte und die Seelen in
Einheit verband". Der hl. Chrysostomos bezieht sich in seinen
Reden oft auf die Gemeinschaft der Apostelgeschichte. Er erklärt
sogar, daß er als ständiges Ziel die dynamische Rückkehr zu jenem
Leben verfolgte. Seine Worte: "...wenn sie damals, als es nur
drei- bis fünftausend Gläubige gab, wo alle Menschen der Erde ihre
Feinde waren, wo sie von nirgendwoher Hilfe erwarteten, es wagten,
trotz alledem die Gütergemeinschaft zu verwirklichen, wieviel mehr
könnte dies heute geschehen, wo die Ökumene mit der Gnade Gottes
von Gläubigen erfüllt ist? Und wer würde dann Götzenanbeter
bleiben? Ich zumindest glaube, niemand! So würden wir alle zu
Christen machen (sicherlich etwas derartiges geschieht jetzt nicht!).
Aber, wenn wir in dieser Richtung Fortschritte machen, wird mit der
Zeit, so glaube ich, das, was uns jetzt unerreichbar scheint, mit der
Gnade Gottes Wirklichkeit werden... Wenn Gott mir weitere Lebensjahre
schenkt, glaube ich, daß ich euch in Kürze zu einer solchen Art des
gemeinschaftlichen Zusammenlebens führen werde" (P.G.
60,98).
Die dynamische Rückkehr zur Jerusalemer Gemeinschaft war
für Basilios und Chrysostomos keine Utopie, sondern ihr großes
Ideal. Es ist also nicht sonderbar, daß Basilios der Große das
klösterliche Koinobion organisierte, weil er erkannte, daß nur
dieses die Echtheit des kirchlichen Lebens bewahren konnte, weil es
eine wirkliche Rückkehr zur ersten Kirche darstellte. Aber auch
Chrysostomos verkündet einige Jahre später: "... so leben sie
heute in Klöstern, wie die Gläubigen früher". Wie für die
Väter, so ist auch für jene, die die patristische Gesinnung in
allen Jahrhunderten bewahrten, das Leben der ersten Christen, das
Leben des Koinobions ihr unveränderter Bezugspunkt. Die patristische
Spiritualität bleibt also immer untrennbar vom liturgischen Leben,
der Askese und dem gesellschaftlichen Handeln. Nehmen wir doch ein
Beispiel dazu: Johannes Chrysostomos schrieb glänzende Reden über
die Unfaßbarkeit Gottes, die er mit einem Bezug auf seine
persönliche Gebetserfahrung beendet; er gab einem eucharistischen
Gottesdienst seinen Namen. Gleichzeitig aber tritt er der
kaiserlichen Willkür entgegen und verurteilt die Plutokratie, ohne
natürlich zum gesellschaftlichen Revolutionär zu werden. Er stellt
das Eigentum und die Erbschaft in Frage und entwickelt einen Plan zur
Neuorganisierung der Gesellschaft im Rahmen des klösterlichen
Koinobions, damit die Verelendung und das Unrecht eingeschränkt
werden. Er erweitert auf diese Weise das Sakrament des Gotteshauses
zum Sakrament des Bruders. Das Beispiel des Chrysostomos ist
natürlich einzigartig, aber nicht das einzige in der Orthodoxie -
wollen wir nur noch an Athanasios, Ambrosios und Basilios erinnern -
es setzt sich bis heute in den Personen unserer neueren Väter fort.
Sogar die asketischsten unserer Väter lösten sich nie von der
Gemeinschaft der Brüder, der Gemeinschaft in Christo, noch waren
ihnen deren Probleme gleichgültig. Denn die Väter wissen, daß der
Kampf um die Vergöttlichung im Rahmen einer christlich
strukturierten Gemeinschaft verwirklicht werden kann.
Mit
dem bisher Gesagten wird die eigentümliche Bedeutung der heiligen
Väter - sowohl früherer als auch heutiger - für unsere Zeit und
für unsere Probleme, besonders für die zwischenkirchlichen klar.
Wir können nicht ohne Väter leben, weil wir sonst in Gefahr
geraten, unsere wahre Identität zu verlieren. Der bekannte Satz der
Vierten Ökumenischen Synode, "den heiligen Vätern folgend",
bestimmt auch das Leben der heutigen orthodoxen Gläubigen. "Folgend"
bedeutet sicherlich nicht eine einfache Erwähnung der Väter und
Anführung ihrer Meinungen, sondern die Erlangung ihrer Gesinnung.
Die orthodoxe Theologie heute darf keine formelle "Theologie der
Wiederholung" sein, sondern sie muß die Fortsetzung, das
Überleben des väterlichen Geistes in unseren Personen im Heiligen
Geist sein. Daher kennt die Orthodoxie auch keine Revolutionen im
Verlauf ihrer Geschichte. Alles Neue ist ein wesensgleiches Produkt
des Alten, Traditionellen, und jede neue Krise in ihrem Leben wird
patristisch angegangen, mit dem "nouV", dem Geist der
Väter, damit auch die Lösung orthodox ist, d.h. in Christo.
Quelle und Dank im Herrn an:
"Der Bote"
Diözesenzeitschrift der russischen-orthodoxen Kirche im Ausland.