Freitag, 13. Dezember 2013

Der Verurteilte ZEK-18376 - Vater Arsenij- die Kranken

Die Kranken

Es ist aber an der Zeit, zu erwähnen, dass Vater Arsenij nicht allein im Saal war. Es befanden sich dort außerdem noch drei Häftlinge «außer Dienst», zwei Schwerkranke und der Dritte, Fedja, der sich mit einem Beil an der Hand selbst verletzt hatte.
Der Letztere wälzte sich pausenlos auf seinem Bretterbett hin und her. Ab und zu übermannte ihn der Schlaf und wenn er aufwachte, rief er:
«Ich friere! Wirf Holz aufs Feuer, alter Sturkopf, sonst steh ich auf und hau´ dir die Fresse ein!»
Daraufhin drehte er sich auf die andere Seite um und schlief wieder ein.
Die anderen zwei befanden sich in einem kritischen Zustand, unbeweglich und stumm. Sie waren hier gelassen worden, weil im Krankenhaus kein Platz mehr vorhanden war.
Gegen zwölf Uhr mittags erschien der Obersanitäter. Er warf nur einen Blick auf die Kranken, ohne sie anzufassen und sagte mit lauter Stimme zu Vater Arsenij:
«Mit denen ist es bald vorbei... Bei der Kälte sterben jetzt viele!»

Es war ihm egal, ob ihn die Kranken hörten. Und warum sollte es ihn auch kümmern? Wussten vielleicht nicht alle, dass im Sonderlager über kurz oder lang alle gleich endeten?
Er näherte sich Fedja. Dieser streckte seine verletzte Hand aus und begann zu stöhnen, ostentativ, gekünstelt und theatralisch.
«Du täuschst mich nicht, du alter Schurke!», fuhr ihn der Obersanitäter hart an. «Morgen gehst du zur Arbeit! Ansonsten erwartet dich als Selbstverstümmler die Isolierzelle... und da kommst du nicht lebend heraus!»
Und er verschwand so schnell wie er gekommen war.
Vater Arsenij trat hin und wieder an die Sterbenden heran und tat, was er konnte, um ihnen Linderung zu verschaffen.
«Herr, Jesus Christus! Hilf ihnen! Mach sie wieder gesund! Zeig Dein Erbarmen! Lass sie leben und ihre Freiheit wiederfinden!» sprach er vor sich hin, während er sie zudeckte, ihnen liebevoll über den Kopf streichelte und ihnen ein wenig Wasser oder Medizin gab. Aber welche Medizin? Im Sonderlager wurden alle Krankheiten mit dem... wunderwirkenden Aspirin behandelt! Aspirin gegen Fieber, Aspirin gegen Schwindsucht, Aspirin bei Verletzungen, Aspirin gegen Krebs...

Vater Arsenij hatte vom Vortag ein Stück Schwarzbrot zurückbehalten, etwa ein Viertel seiner Tagesration. Er tauchte es in Wasser und ging nah an den Schwerstkranken heran. Er versuchte, ihm einen Bissen in den Mund zu schieben. Da öffnete dieser seine Augen, sah ihn mit einem sterbenden Blick voller Überraschung und Erstaunen an und schob, mit einer langsamen und müden Bewegung seine Hand weg.
«Essen Sie, essen Sie, in Gottes Namen!», sagte ihm Vater Arsenij flüsternd, aber im Befehlston.
Er schob das Brot schon fast mit Gewalt in den Mund des Kranken. Dieser jedoch sagte,  nachdem er mit Schwierigkeiten heruntergeschluckt hatte,  voller Wut:
«He, Herrgott noch mal, lass mich in Ruhe! Du denkst wohl, du kriegst was von mir, wenn ich sterbe? Dass du dich da bloß nicht täuschst...»
Vater Arsenij antwortete nicht. Er deckte ihn zu und näherte sich dem zweiten Kranken.
Nachdem er ihm geholfen hatte, sich auf die andere Seite zu drehen, wandte er sich wieder dem Aufräumen der Stube zu.
Diesmal versteckte er die Anzündhilfe, die ihm Serij gegeben hatte, nicht. «Warum soll ich sie noch verstecken? Gestern, als ich sie versteckt hatte, geschah das Unglück. Und heute half Gott... » So häufte er sie in der Mitte der Baracke an.
Er überlegte, ob er Holz für den nächsten Tag hacken sollte und war schon dabei, rauszugehen, als er sich an einen alten Vorfall erinnerte:“ Das hacke ich bestimmt umsonst. Bis zu morgigen Kontrolle hat es mir schon irgendwer wieder weggenommen.“
Die Öfen waren inzwischen glutrot geworden.
Vater Arsenij freute sich. «Die Häftlinge werden ganz erfroren reinkommen und sich dann wärmen und ausruhen können»
In der Türöffnung erschien der Aufseher Pukov. So um die dreißig und immer lächelnd, wurde er von den Häftlingen Wesiolij (der Lächler) genannt.
«He, kleiner Priester! Du hast ja aus der Stube eine Sauna gemacht. Kann es sein, dass du dich nach der Isolierzelle sehnst? Die Hölzer gehören dem Volk und du verschwendest sie für Volksfeinde? Ich werd´s dir schon zeigen, du Magier!»
Er näherte sich ihm mit großen Schritten, verabreichte ihm einen harten Schlag in Gesicht und ging, nachdem er ihm den Rücken zugewendet hatte, mit dem Lächeln, das er ständig auf den Lippen trug, hinaus.
Vater Arsenij wischte sich das Blut mit seinem Handrücken ab.
«Kyrie eleison, Herr erbarme Dich meiner! Herr, verlass mich nicht!»
«Ein Meisterstück, wie er dir eine runter gehauen hat, der Schuft!», schrie Fedija. «Und mit einem Lächeln, he? Warum? Wahrscheinlich weiß er es selbst nicht......»
Es war noch keine Stunde vergangen und Wesioli kam wieder in die Stube. Vater Arsenij fegte gerade den Boden.
«Kontrolle, aufstehen!»
Fedija sprang wie eine Sprungfeder aus dem Holzbett und Vater Arsenij blieb unbeweglich, in der «Stillgestanden» - Haltung mit dem Besen in der Hand, stehen.
«Wie viele sind in der Stube?», fragte der Aufseher wild, obwohl er die Antwort genau wusste.
«Zwei im Bett, schwerkrank und von der Dienstverpflichtung befreit, und ein Dritter, der morgen wieder die Arbeit aufnimmt.»
Wesioli machte ein paar Schritte auf die Betten der zwei Kranken zu und ließ seinen Blick ein paar Sekunden auf ihnen ruhen. Er sah, oder er wusste wohl sehr gut, dass sie nicht in der Lage waren, aufzustehen.
Trotzdem schrie er sie an - so aus Gewohnheit - ohne sich ihnen zu nähern, da er fürchtete, dass sie vielleicht irgendeine ansteckende Krankheit hätten.
«Du, kleiner Priester, pass bloß auf, dass hier Ordnung herrscht im Saal...! Und  mach dir keine Sorgen, sehr bald werden sie sich dahin rufen, wo du hingehörst. Dort wirst du schon singen!»
Er fluchte abscheulich und ging hinaus.

Es dämmerte. Die Dunkelheit kam rasch herein und die Häftlinge würden jeden Augenblick zurückkehren. Sie würden verfroren und todmüde, aber auch mit angespannten Nerven hereinkommen. Sie würden wie bewusstlos auf ihre Betten fallen. Der Saal würde sich mit Schlamm, Feuchtigkeit, Seufzen, Fluchen und Zoten füllen...
Eine halbe Stunde später führte man sie an einen gesonderten Ort zur Kantine. Diese Stunde war für viele der politischen Gefangenen die Stunde der Qual. Die Strafgefangenen schlugen sie ohne Bedenken und nahmen sich ihr Essen. Die Stärksten leisteten natürlich Widerstand und schafften es, etwas von ihrer Portion zu retten. Die Kranken jedoch blieben sehr häufig ganz ohne Essen.
Die politischen Häftlinge waren in allen Stuben den Verbrechern zahlenmäßig überlegen, aber die Letzteren übten mit ihrer charakteristischen Grausamkeit und ihrem Terror fast völlige Kontrolle über die übrigen aus.
Das Essen war jammernswert. Die Portionen unscheinbar. Die Nahrung halbvergammelt, oft roch sie nach Petroleum. Und doch war dieses elendige Mahl für die Häftlinge die einzige Freude, der einzige Genuss. Den ganzen Tag über, während sie arbeiteten, dachten sie daran und warteten darauf sehnsüchtig, obwohl es nicht zur Wiedererlangung der Kräfte, die sie verbraucht hatten, ausreichte. Wie schon erwähnt, konnte sich außerdem sowieso keiner der politischen Gefangenen sicher sein, dass er nach der Arbeit essen würde.
Vater Arsenij entbehrte oftmals sein Essen. Niemals jedoch empörte er sich. Wenn er seinen Anteil verlor, ging er sofort in die Stube, legte sich auf sein Bett und begann das Gebet.
«Zu Beginn war mir schwindelig.», erzählte er später selbst. «Ich hatte Schüttelfrost vor Kälte und Hunger, mein Gehirn begann sich zu trüben... Aber nachdem ich die Abendvesper und die Morgenvesper gehalten hatte, nachdem ich die Begrüßungen an die Jungfrau Maria, den heiligen Nikolaus und meinen Schutzheiligen Arsenij gelesen hatte, nachdem ich zu Gott für meine geistigen Kinder gebetet hatte und aller Namen der Toten, an die ich mich erinnern konnte, gedachte, kam ich zu Kräften, zu viel Kraft. Und in der Frühe stand ich vom Bett auf - denn es passierte oft, dass ich die ganze Nachte nicht schlief und betete - und fühlte mich satt und ausgeruht.»
Geistige Kinder hatte Vater Arsenij viele, sowohl freie, als auch gefangene. Er liebte sie und litt mit ihnen tief in seinem Herzen. Früher, als er in einfachen Gefängnissen eingesperrt war, bekam er ab und zu einen Brief von ihnen. Seitdem sie ihn jedoch in das Arbeitslager Sondereinheiten verlegt hatten, hatte er jeden Kontakt zu ihnen verloren. Sie glaubten, es wäre wahr, dass er schon gestorben wäre. Irgendwelche Regierungsvertreter, an die sie sich gewandt hatten, hatten es ihnen unzweideutig gesagt:»Er wurde ins Sonderarbeitslager verlegt. Er gilt als nichtexistent!»

Finsternis. Die Kolonnen der Häftlinge, eine hinter der anderen, erschienen im Gelände des Lagers und teilten sich auf die Baracken auf. Die «Leute» traten mit Erleichterung in den warmen Saal und vor lauter Freude schimpften sie noch mehr und rissen noch mehr Zoten als sonst.
Vater Arsenij hatten sie heute nicht geschlagen. Auch sein Essen hatten sie nicht angerührt. Von den Portionen der zwei Bettlägerigen konnte das Väterchen nur eine halbe Scheibe Brot retten. Er versteckte sie zusammen mit einem Stück bitterem Kabeljau von seinem Anteil unter seiner Jacke und machte sich auf den Weg zur Stube.
Er teilte das Brot und den Fisch in der Mitte und fütterte die Kranken. Anschließend drängte er sie, jeder eine in heißem Wasser aufgelöste Tablette Aspirin zu trinken. Am Schluss, nachdem er ihnen geholfen hatte, in eine Blechdose zu urinieren, säuberte er sie, so gut es ging und deckte sie zu.
Nach fünf Tagen zeigten die Kranken, völlig unverhofft,  Zeichen der Besserung. Sie waren allerdings zu schwach, um aufzustehen. Es war ungewiss, ob sie überleben würden.
Vater Arsenij kümmerte sich weiterhin um sie und versorgte sie Tag und Nacht. Was das für Menschen waren, wusste er nicht. Seine Fürsorge nahmen sie kühl an. Ohne ihn wären sie jedoch schon seit geraumer Zeit in der gefrorenen Erde verscharrt gewesen. Sie sprachen nie über sich selbst. Aber auch Vater Arsenij stellte ihnen keine bestimmte Frage. Das «Gesetz des Schweigens», ein ungeschriebenes Gesetz des Lagers, erlaubte keine «taktlosen» Fragen. Wie viele solcher Menschen hatte er in den Gefängnissen gesehen, durch die er gegangen war. Unzählige! Sie waren sich begegnet, sie trennten sich und sahen sich nie wieder. Wie sollte er sich an alle erinnern!
Einmal sagte ihm der eine Kranke, dass er Ivan Alexandrowitsch Sasikov hieße. Nur dies. Während er sich um die Kranken kümmerte, bewegte er lautlos seine Lippen im inständigen Gebet, sowohl für ihn, als auch für die anderen. Ivan Alexandrowitsch bemerkte es.
«Du betest, Väterchen! «, sagte er ihm, «Du betest, damit uns unsere Süden vergeben werden, damit uns Gott hilft... Hast du Gott jemals gesehen?»
Überrascht betrachtete Vater Arsenij Sasikov.
« Und wie ich ihn gesehen habe! , sagte er, er ist hier, unter uns und vereint uns alle»
«Was erzählst du mir da, kleiner Priester! In diesem Saal soll Gott sein? « meinte der Kranke sarkastisch.
«Ja! Ich spüre seine Anwesenheit! Ich sehe Ihn! Ich sehe allerdings auch, dass in deiner Seele, obwohl sie schwarz von den Sünden ist, obwohl sie sich von den Untaten verfinstert hat, noch Platz für das Licht ist...!»
Sasikovs Gesicht veränderte sich. Er begann von oben bis unten zu zittern.
«Ich schlag dich, Alter! grunzte er. Ich werde dich sowieso hauen... Etwas in mir sagt mir, dass du zuviel weißt, ich kann nur nicht verstehen, woher...»
Ohne zu antworten, drehte sich Vater Arsenij um und ging fort.
«Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner, dem Sünder», sprach er leise im Monolog.
Die Zeit verrann und es gab viel zu tun. Während er seine Arbeiten verrichtete, führte er heimlich den Mönchs-Kanon aus und sagte auswendig, was er von den Gebeten und den Gottesdiensten der Kirche noch wusste, - Abendvesper, Morgenvesper, Bittgebete, die Begrüßungen an die Jungfrau Maria....

Der zweite Kranke war ein typisches Opfer der «Säuberungen». Solche wie ihn gab es unzählige im Lager. Die übliche Geschichte.
Mitglied der Partei ab seinem 17. Lebensjahr, hatte er an der Oktoberrevolution teilgenommen. Er hatte Lenin persönlich kennengelernt. Im Jahre 1920 kommandierte er eine der großen Einheiten der roten Armee. Er wurde mehr als mächtig, als er sich als einer der obersten Führer der Tseka * und im Anschluss der NKWD ** hervortat.. Mit seiner Unterschrift hatte er Tausende in den Tod geschickt... Und nun schickten sie ihn zum Sterben ins Sonderlager. Zum Sterben wie so viele andere, die sich dort befanden, sei es wegen Falschaussagen ihrer Feinde, sei es wegen irgendetwas unvorsichtig Dahingesagtem, sei es wegen ihres Glaubens oder im Endeffekt einfach nur, weil sie aus dem Weg geräumt werden mussten, damit sie den Aufstieg irgendeines anderen in die staatlichen Ränge nicht behinderten.
Sobald Vater Arsenij seinen Namen - Alexandros Pavlowitsch Avsenkov - hörte, erinnerte er sich an ihn. Er war ein Mensch, über den häufig in den Zeitungen geschrieben worden war. Er war jedoch auch derjenige, der die Verurteilung Vater Arsenij unterschrieben hatte, als die «Troika» die Todesstrafe für «antirevolutionäre Tätigkeiten» in 15 Jahre Haft im Arbeitslager Sondereinheiten umwandelte.
Avsenkov müsste so um die 45 Jahre alt sein, er sah jedoch wesentlich älter aus. Die Strapazen, der Hunger, die auslaugende Arbeit, die Schläge, das Gespenst des Todes, das ständig vor ihnen schwebte, das alles hatte ihn zu einem menschlichen Wrack gemacht - vorrangig jedoch war das unerträgliche Gefühl der Schuld auf seiner Seele, da er selbst - noch vor kurzer Zeit -  andere Menschen an diesen verdammenswürdigen Ort geschickt hatte. Hatte er damals doch wirklich, als wahrer Idealist, geglaubt, dass es sich um «Volksfeinde» handelte, die Haft, Verbannung und Tod verdienten.
Jetzt aber... Jetzt wurde er sich schmerzlich seines Irrtums bewusst. Während er die Tragödie seiner Mithäftlinge sah und selbst sein eigenes Drama lebte, sah er ein, welch fürchterliches Werk er ausgeführt hatte, indem er Tausende von Unschuldigen in den Tod geschickt hatte... Unschuldige!
Von der abgesonderten Stellung  seines Amtes aus war er nicht in der Lage gewesen, die Wahrheit zu sehen. Er hatte den direkten Kontakt mit der Wirklichkeit und den Geschehnissen verloren. So schenkte er den Berichten, den «Ergebnissen» der Verhöre, den Bestätigungen der Untergebenen, den trockenen Richtlinien Glauben...
Er durchlebte eine unbeschreibliche, psychische Qual. Es war jedoch schon zu spät. Er konnte nichts mehr wiedergutmachen. Er konnte niemandem helfen, nicht einmal ihm selbst. Die Schuldgefühle  zermarterten ihn, Depressionen erdrückten ihn, ein Gefühl völliger psychischer Leere übermannte ihn. Er sprach wenig, war sehr umgänglich, wohlwollend und freundlich zu allen, sogar zu den schlimmsten Verbrechern. Die Lagerleitung fürchtete er nicht. So verteidigte er stets die ungerecht Behandelten, was ihm oft die Isolierzelle einbrachte.
Mit Vater Arsenij fühlte er sich eng verbunden. Er liebte  ihn für seine Güte  und seine Barmherzigkeit aus ganzem Herzen.
«Was sind Sie für ein Mensch, Vater Arsenij!», sagte er ihm. «Eine Seele von Mensch! Ich bin doch ein Kommunist, während Sie ein Diener ihrer Religion, ein Geistlicher sind. Ideologisch trennen uns Welten. Eigentlich müssten wir uns im Kampf befinden...»
Vater Arsenij lächelte und fragte ihn:
« Können Sie mir sagen, weshalb Sie kämpfen wollen? He? Sehen Sie, Sie haben gekämpft und gekämpft... und jetzt verschluckt dieses Arbeitslager sowohl Sie als auch Ihre Ideologie! Mein Glauben an Christus jedoch war damals in der Freiheit bei mir und folgte mir jetzt auch hierher. Gott ist überall und hilft den Menschen, wo sie sich auch befinden. Ich glaube, dass er auch Ihnen helfen wird!»
Ein anderes Mal sagte er ihm:
«Wir zwei, Alexander Pavolwitsch, kennen uns schon von früher. Der Herr hat uns schon vor langer Zeit einmal zusammengeführt, unverhofft, als Vorbereitung auf unser Treffen im Lager.»
«Das kann nicht sein.», wandte Arsenkov ein, » Da täuschen sie sich. Von woher in aller Welt sollte ich Sie kennen?»
„Sie kennen mich, Alexander Pavlowitsch! Im Jahre 1933, als die Kirche hart verfolgt wurde, als Hunderttausende gläubige Christen verbannt wurden, als die Kirchen unter irgendeinem Vorwand oder auch ohne Vorwand, versiegelt wurden, damals ging ich das erste Mal durch Ihre Hände. Sie unterschrieben im Jahre 1939 mein Urteil. Und nach einigen Jahren, als ich meine Bücher druckte und in Umlauf brachte, wurde ich wieder festgenommen und diesmal zum Tode verurteilt. Sie, Alexander Pavlowitsch, wandelten das Todesurteil in Einsperrung im Arbeitslager um. Ich danke Ihnen.... Wie Sie sehen, verdanke ich Ihnen, dass ich jetzt am Leben bin, wenn auch als Deportierter. Eine geheime Stimme in mir hatte mir gesagt, dass wir uns irgendwann wiedertreffen werden. Ich wartete darauf... und es ist eingetreten!
Bei Gott, glauben Sie nicht, dass ich mich irgendwie beschweren will - nein! Alles ist zugelassen vom Herrn...
Im unendlichen Ozean des Lebens der Menschen ist mein Leben nicht mehr als ein Tropfen. Wie sollten Sie sich also an einen der unzähligen Menschen, der im Katalog der Verurteilten stand, erinnern? Nur Gott ist allwissend. In Seinen Händen befindet sich unser aller Schicksaal.“
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*Die TSEKA war eine besondere Organisation des Verteidigung- und Sicherheitsorgans im  Sowjetregime (1917-1926). Ihre Bezeichnung setzt sich aus den Anfangsbuchstaben des Titels «Außerordentliches, gesamtrussisches Komitee (des Rats des Volkskomitees zum Kampf gegen die Gegenrevolution und Sabotage)» zusammen. Ihr Ziel war die Verfolgung und Zerschlagung jedes Gegenrevolutionären und Sabotageelements und die Anklage der Schuldigen vor dem Revolutionsgericht.
**Die NKWD («Volkskomitee für Innere Angelegenheiten») war die politische Polizei des Sowjetstaates.

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